15 | 08 | 2018

Liturgie

 

Liturgie, die Mitte unseres Tuns ...

 

Das zweite Vatikanische Konzil hat das erste seiner Dokumente einer umfassenden Darstellung über die Bedeutung der hl. Liturgie gewidmet. Das Konzil bezeichnet dabei die Liturgie als

„Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt,
und zugleich die Quelle,
aus der all ihre Kraft strömt.“
(SC 10)
 

  • Was ist die hl. Liturgie?
  • Warum feiert sie die Kirche und warum hat sie unter allem, was die Kirche tut diesen herausragenden Rang, dass sie als das Wichtigste überhaupt bezeichnet werden kann?
 
Um dies zu verstehen, müssen wir die Kirche und ihre Sendung verstehen. Wir müssen den zu verstehen suchen, der die Kirche gestiftet hat, das Geheimnis des Gottmenschen Jesus Christus und seine Erlösungstat zum Heil der Welt.
 

Ein Blick in die Heilsgeschichte

Gott ist unendendlich gut, ja „Gott ist die Liebe.“ (1 Joh 4, 8) und aus Liebe hat er einst den Menschen erschaffen. Er hat ihn bestimmt, an seinem eigenen Glück teilzuhaben. Der Mensch aber hat Gottes Liebe von sich gestoßen (vgl. Gen 3). Die Antwort Gottes ist wieder Liebe. Zwar muss der Mensch die Strafe seiner Sünde auf sich nehmen, aber nicht für immer. Gott überlässt das gefallene Geschöpf nicht sich selbst, sondern offenbart sich ihm und erwählt sich ein Volk, Israel, damit es Zeichen des Heils für alle Völker sei.
 
Aus diesem alttestamentlichen Bundesvolk wird Gott Mensch. Der ewige Sohn Gottes wird Mensch, um uns zu erlösen, um uns am Kreuz durch das Vergießen seines Blutes wahre Liebe zu erweisen. „Niemand hat eine größere Liebe als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15, 13) So möchte er uns Anteil an sich schenken. „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“ (Joh 13, 8).
 
Dies alles hilft uns zu verstehen, was gemeint ist, wenn die Hl. Schrift Jesus als den zweiten oder den neuen Adam bezeichnet (Röm 5, 12ff). Der neue Adam sühnt für den ersten und für seine Nachkommen am Holz des Kreuzes. Durch sein Paschmysterium – sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung - eröffnet er uns neues und ewiges Leben. Als Frucht dieser Lebenshingabe geht am Kreuz die Kirche hervor. Durch sein Opfer am Kreuz uns seine Auferstehung bezieht er „jenen, die ihn aufnehmen“ (Joh 1, 12) in die Fülle des Lebens und der Liebe des Dreifaltigen Gottes ein.
 

Heilsgeschichte und Kirche

Was der Herr auf Erden gewirkt hat, das führt er nun fort durch die von ihm gestiftete Kirche.
 
„Die Kirche, die nichts anderes ist als der verbreitete und mitgeteilte Christus, vollendet,
so weit das hienieden möglich ist, das infolge der Sünde geforderte Werk der geistigen Einigung,
das mit der Menschwerdung begonnen und auf Golgotha fortgeführt wurde. In gewisser Hinsicht
ist sie sogar diese Einigung selbst.“
(Math, 24, 30)
 
Deshalb kann das letzte Konzil die Kirche als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ bezeichnen. Durch die Kirche erstrahlt das Antlitz Christi hinein in unsere Zeit. (Vgl. PAPST JOHANNES PAUL II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia). Sie ist sein mystischer Leib und er ist das Haupt dieses Leibes.
 

Heilsgeschichte und Liturgie

Die Sakramente sind nun von Christus eingesetzt, damit die Menschen aller Zeiten und Orte bis zur Vollendung der Welt teilhaben könnten am Erlösungswerk des Herrn. Die Liturgie der Kirche führt in gewisser Weise die Heilsgeschichte fort. Dies geschieht durch die Fortführung des Priesteramtes Christi.
 
„Die Kirche führt also, getreu dem von ihrem Stifter erhaltenen Auftrag,
das Priesteramt Jesu Christi vor allem durch die heilige Liturgie weiter.
In erster Linie tut sie dies am Altare, wo das Kreuzesopfer ständig dargebracht und erneuert wird,
wobei einzig die Art der Darbringung verschieden ist; dann durch die Sakramente,
besondere Mittel, durch welche die Menschen des übernatürlichen Lebens teilhaftig werden;
endlich durch den Lobpreis, der täglich dem allgütigen und allmächtigen Gott dargebracht wird.“

(Konstitution über die hl. Liturgie, Art. 72).
 
Dabei ist das eine Priestertum Christi der Kirche auf eine zweifache Weise übergeben. Zunächst ist da das allgemeine Priestertum des priesterlichen Gottesvolkes. „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein geheiligtes Volk, ein Volk, das dazu erworben wurde, damit ihr die Ruhmestaten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat in sein wunderbares Licht.“ (1 Petr 2, 9).

Christus hat aber aus diesem neuen Bundesvolk einzelne zum Amtspriestertum berufen. In der direkten Nachfolge der Apostel stehen die Bischöfe, die Priester sind ihnen als Helfer zur Seite gegeben. Auch die Diakone haben teil am Weihesakrament. Der geweihte Amtsträger allein kann in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, („in persona Christi capitis“) handeln.
 
„Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen hingegen wirken kraft ihrs königlichen Priestertums an der eucharistischen Danksagung mit und übern ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.“ (JOSEF PIEPER, Was heißt ‚sakral’? Klärungsversuche, Schwabenverlag 1988, 84)
 
Indem der geweihte Amtsträger anstelle Christi des Hauptes handelt, wird die Liturgie der öffentliche Gottesdienst der Kirche, des mystischen Leibes Christi. Somit untercheidet sie sich wesentlich von einem privaten Gebet der Einzelnen. In diesem Zusammenhang steht auch die Definition der Liturgie, die der Katechismus der Katholischen Kirche bietet.
 
"Das Wort „Liturgie“ bedeutet ursprünglich „öffentliches Werk“, „Dienst des Volkes und für das Volk“. In der christlichen Überlieferung bedeutet es, daß das Volk Gottes teilnimmt am „Werk Gottes“ [vgl. Joh 17,4]. Durch die Liturgie setzt Christus, unser Erlöser und Hoherpriester, in seiner Kirche, mit ihr und durch sie das Werk unserer Erlösung fort." (Katechismus der Katholischen Kirche 1069)
 

Gloria Dei vivens homo
- Verherrlichung Gottes und Heiligung des Menschen in der Liturgie


Was verstehen wir denn eigentlich unter der Verherrlichung Gottes?
Wenn wir einen Menschen ehren wollen, dann überreichen wir ihm eine äußere Auszeichnung, die er vorher nicht hatte. Diese Ehrung macht ihn größer. Gott – in seiner Majestät – bedarf keiner äußeren Auszeichnung, denn nichts kann ihm mehr Ehre verleihen, als das, was er seit Ewigkeit ist, eben Gott, der Ewige, der All-mächtige, der keinen Anfang und kein Ende hat, aus dessen Schöpfungswillen Himmel und Erde hervorge-gangen sind.
 
Der hl. Märtyrerbischof und Kirchenvater Irinäus von Lyon nun hat einmal ganz prägnant formuliert: „Gloria Dei vivens homo - Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist es, Gott zu sehen.“ (Adv. haer. IV 20, 7)
 
Auch diese Ehre kann Gott nicht größer machen. Irinäus vergleicht es mit der Teilhabe am Licht. Wenn jemand im Licht steht, dann erhellt er das Licht nicht, im Gegenteil: das Licht erhellt ihn. Wenn wir das Lob Gottes singen wollen, dann macht das Gott nicht größer, sondern dann kann er Gutes tun an uns, uns mit Leben und Liebe erfüllen. Der hl. Irinäus sagt aber noch ein Zweites: „Das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes.“ Und genau diese Schau Gottes, etwas von der Wirklichkeit des Himmels wird dem Menschen in der Feier der hl. Liturgie geschenkt. In dem Blick, den die Liturgie ihm auf die göttlichen Dinge verleiht, empfängt er Leben und dieses Leben wird zur Verherrlichung Gottes!